Freitag, 24. August 2012


 
Wer bekommt Legasthenie? 
Legasthenie ist keine Krankheit, die jemand "bekommt" es ist ein Begriff, der eine Art zu Lernen bzw. einen Lerntyp/-stil beschreibt. Abhängig davon, wie man "Legasthenie" definiert, trifft diese Bezeichung auf 5% bis 20% der Bevölkerung zu. 
Wann wird diese (Funktions-)Störung normalerweise entdeckt? 
Wir betrachten Legasthenie nicht als eine "Störung", sondern eine andere Art zu lernen. In den meisten Fällen werden die Symptome von Legasthenie in der Grundschule auffällig, wenn das Kind beim Lesenlernen Schwierigkeiten hat. Aber viele Personen werden nicht als legasthen identifiziert, bis sie Teenager oder sogar erwachsen sind. 

Wann ist es für eine Behandlung zu spät? 
Aus unserer Perspektive ist es nie zu spät. Wir haben bereits erfolgreich mit Menschen über 80 gearbeitet. 

Wie kann man sichergehen, dass es sich wirklich um Legasthenie und nicht um ein anderes Problem handelt? 
"Legasthenie" wird als Begriff verwendet, um eine ganze Reihe von Symptomen zu beschreiben (s. A. L., Ausgabe 4). Tatsächlich sind also die Menschen, die eine signifikante Anzahl dieser Symptome aufweisen, legasthen. Eine Ausnahme bilden die Menschen, deren Symptome mit Sicherheit Folge einer anderen physischen oder medizinischen Ursache sind. Zum Beispiel ein Kind mit einem nicht diagnostizierten Seh- bzw. Hörproblem könnte ebenso Schwierigkeiten beim Lesenlernen entwickeln, braucht aber tatsächlich eine Behandlung der Seh- bzw. Hörschwäche. (Hiermit ist nicht die Diagnose "visuelle" bzw. "auditive" Wahrnehmungsstörung gemeint, denn dahinter verbirgt sich wiederum häufig eine Legasthenie. Anm. d. Redaktion.)

Wie können wir Eltern dabei helfen, das Selbstwertgefühl eines legasthenen Kindes aufrecht zu erhalten?
Lehrer und Eltern müssen verstehen, dass "Lernbehinderung" oder "Lernstörung" vermutlich keine korrekten Begriffe sind, um Legasthenie zu beschreiben. Eine bessere Bezeichnung wäre: eine "andere Art zu lernen". Ebenso wichtig ist es, zu verstehen, dass alle Kinder Stärken und Schwächen haben und dass viele Stärken in der Regel eine Legasthenie begleiten. 
Legasthene Kinder sind tendenziell schwächer auf der sprachlichen Ebene aber stärker in ihren visuell-räumlichen Fähigkeiten, und häufig sind sie sehr kreative Denker und Problemlöser. Dies kann sogar einfach von spezifischen Nervenbahnverbindungen herrühren. Sie denken mit größerer Wahrscheinlichkeit dreidimensional und in Bildern, anstatt auf Worte und Symbole fokussiert zu sein. 
Sowohl Eltern als auch Lehrer sollten die Stärken von Kindern sehr aufmerksam beobachten und Aktivitäten und Interessen unterstützen, die den Ausdruck und die Entfaltung dieser Stärken ermöglichen. 
Auch wenn es natürlich wichtig ist, Schwächen zu korrigieren, sollten wir nicht den Fehler begehen, die Möglichkeiten des Kindes, seine Stärken zu entwickeln, zeitlich einzuschränken, um zusätzliche Zeit für die Arbeit an den Schwächen zu gewinnen, indem man zum Beispiel Musikunterricht oder sportliche Aktivitäten einschränkt für zusätzliche Nachhilfestunden. Eltern und Lehrer sollten stattdessen eine gute Balance zwischen beidem finden. Alle Kinder sollten darin ermutigt werden, Aktivitäten nachzugehen, die ihnen Spaß machen, in denen sie über sich hinauswachsen und regelmäßig Erfolge erleben können.

Sollte ein Kind eine Klasse wiederholen, wenn es offensichtlich überfordert ist? 
Es ist selten eine gute Idee, ein Kind eine Klasse wiederholen zu lassen, damit es die gleichen Anweisungen noch einmal erhält, die es bereits im Jahr zuvor bekommen hat. Wenn es beim ersten Mal nicht aufgenommen werden konnte, dann wird das Gleiche wiederholt nicht plötzlich zu besseren Ergebnissen führen. Die Langzeitnachteile, die in der Regel mit dem Sitzenbleiben verknüpft sind, überwiegen meistens die Vorteile. Anstatt diese Kinder zurückzuhalten, ist es viel besser, ihnen zielgerichtete Unterstützung und Intervention zu geben, und ihnen dabei zu helfen, ihr Lernpotenzial zu maximieren. Wenn es andere Faktoren zusätzlich zur Legasthenie gibt, dann kann dies eine Ausnahme zur oben genannten Regel darstellen. Zum Beispiel, wenn ein Kind zu den Jüngsten und/oder Kleinsten in seiner Klasse gehört, wenn es viele Schultage in einem Jahr verpasst hat als Folge von Krankheit oder wenn das Kind in eine neue Schule/an einen neuen Ort umzieht, dann kann es sein, dass eine Klassenwiederholung die bessere Entscheidung ist und das Selbstwertgefühl des Kindes dadurch weniger gefährdet wird. 

Besteht die Möglichkeit, dass Kinder, die Schwierigkeiten mit dem Schriftspracherwerb haben, einfach nicht intelligent sind? 
Lesefähigkeit und Legasthenie sind nicht an Intelligenz gebunden. Tatsächlich gibt es viele unterdurchschnittlich intelligente Kinder, die Lesen lernen können und viele Legastheniker, die sehr intelligent oder sogar hochbegabt sind. 

Welches Alter ist das beste für eine Therapie bzw. gezielte Nachhilfe? 
Ein Standard Davis®-Legasthenie-Korrektur-Programm scheint der Erfahrung nach am sinnvollsten ab einem Alter von 9 Jahren und älter zu greifen. Trotz dieses Durchschnitts ist es für das einzelne Kind am besten, wenn es dann Unterstützung bekommt, sobald es hier einen Bedarf gibt. Dies ist, sobald die Legasthenie zu irgendeinem funktionalen Problem für sie wird. Da dies in der Regel während der Grundschulzeit auftritt, wäre dies auch der beste Zeitpunkt, mit altersangemessener Unterstützung zu beginnen.

Für welche Altersklassen ist die Davis®-Methode am besten geeignet? 
Ein Davis-Legasthenie-Korrektur-Programm ist für Menschen von 8 bis ins Erwachsenenalter angemessen. Es ist nicht für die Altersklasse der Kindergarten- und Vorschulkinder gedacht und in der Regel auch noch zu früh für Erstklässler. Für diese Altersklasse haben wir ein Schulprogramm entwickelt, dass sowohl für Kindergartenkinder bis hin zu 9-jährigen Kindern angewendet wird. Hier wird eine Vielzahl der Davis®-Techniken verwendet, die speziell für junge Kinder angepasst wurden. Dies sind die Davis®-Lernstrategien. Weitere Informationen hierzu finden Sie auf unserer Internetseite: www.legasthenie-adhs-dyskalkulie.com. Ausgebildete Davis®-Berater/innen können ebenfalls jungen Kindern von 5 bis 9 Jahren helfen, indem sie mit einem Elternteil arbeiten und Eltern und Kind darin anleiten, die Davis-Techniken anzuwenden. Dieses Programm nennen wir das Davis-Lernanfänger-Programm. 
Ziele der Davis-Lernstrategien und des Davis-Lernanfänger-Programms bestehen darin, den Kindern funktionale Techniken für den Leselernprozess und für die Selbstregulierung der Aufmerksamkeit und des eigenen Energielevels zur Verfügung zu stellen. Diese Techniken dienen nicht einer Legastheniekorrektur, da dies tatsächlich eine intensivere Einzelarbeit erfordert. 
Gleichwohl, wenn jüngere Kinder diese Techniken erlernen, können sie mit deren Hilfe häufig vermeiden, im Stoff zurückzufallen und es ist sehr wahrscheinlich, dass sie dadurch keine der für Legasthenie typischen Lernbarrieren entwickeln müssen. 

Wie ich verstanden habe, besteht eine charakteristische Eigenschaft bei legasthenen Schülern darin, dass sie tendenziell Gedanken eher bildhaft als in Form von Sprachlauten verarbeiten. Wäre es für mich als Lehrer/Erzieher an dieser Stelle hilfreich, bildliche Repräsentationen für meine legasthenen Schüler zu entwickeln? 
Ein wichtiger Teil des Davis®-Programms besteht darin, legasthene Schüler zu befähigen, sich ein geistiges Bild für abstrakte Wörter vorstellen zu können oder sogar für jedes Wort, das sie verwirrt. Unserer Erfahrung nach ist es hierfür hilfreich, mit einem dreidimensionalen Medium zu arbeiten. Das ist der Grund dafür, warum wir Knete verwenden. 
Darüber hinaus ist es ebenfalls wesentlich, dass das Kind in einem eigenen kreativen Prozess ein eigenes Bild entwickelt und kreiert. Damit Sie den Grund hierfür verstehen können, stellen Sie sich ein Modell für das Wort "lassen" vor, in der Bedeutung "erlauben". Das Modell besteht aus einer Person, die eine Katze auf ihrem Schoß streichelt. Der Satz, der zu diesem Modell passt, ist: "Die Katze lässt mich sie streicheln." Das Kind, das dieses Modell geknetet hat, hat sich sehr viele Gedanken über die Bedeutung gemacht und hat dann etwas kreiert, das sowohl eine persönliche Bedeutung für es hatte, als auch anderen einfach zu erklären war. Aber ein anders Kind, das dieses Bild betrachtet, würde sich vielleicht nur an die Katze erinnern, oder das Modell mit einem anderen Begriff in Verbindung bringen, zum Beispiel mit "streicheln". 
Aus diesem Grund ist es nicht hilfreich, wenn Lehrer für Ihre Schüler Bilder kreieren, einfach, weil ohne den eigenen kreativen Prozess an dieser Stelle es unwahrscheinlich ist, dass die Schüler sich daran erinnern oder das Bild behalten werden. Vielleicht verwechseln sie das Bild in seiner Bedeutung oder haben kein vollständiges Verständnis von dem Bild. 

Ich habe gelesen, dass man das Alphabet und die Auslösewörter aus Knete modelliert. Das scheint mir eine großartige Aktivität für die Schüler zu sein, aber ich frage mich, ob das Kneten von über 200 Auslösewörtern nicht auch überfordernd sein könnte. Durch Ihre Erfahrung und Beobachtung können Sie einschätzen, ob diese Aufgabe einfach für die Schüler zu bewältigen ist? Wurde das Modellieren von 200 Wörtern verwirrend? Würden Sie empfehlen, dass man sich zunächst immer nur auf wenige Worte gleichzeitig beschränkt? 
Die Wörter werden nacheinander geknetet. Ein etwas älteres Kind, das ein Davis-Legasthenie-Korrektur-Programm absolviert, könnte zwei oder drei Wörter in jeder Sitzung kneten und könnte ungeführ 45 Minuten bis zu einer Stunde täglich damit verbringen, Wörter zu kneten. Dieses Kind könnte leicht 15 Wörter in der Woche kneten. In einer Grundschulklasse, in der die Davis-Lernstrategien angewendet werden, würde der Lehrer durchschnittlich in der Regel nur ein Wort/Davis-Arbeitsstunde mit der gesamten Klasse kneten, vor allem mit den jüngeren Kindern. 

Ist es realistisch, anzunehmen, dass man mit dem Davis®-Ansatz in einer Klasse mit vielen Schülern, die nicht legasthen sind, arbeiten könnte? Ich unterrichte in einer allgemeinbildenden Schule, wo die Schüler sehr unterschiedlich in ihrem Förderbedarf sind, und nicht alle sind legasthen. Ich bin neugierig, ob ich diese Methode in meinen Unterricht einbauen kann, so dass alle Schüler davon profitieren könnten und nicht nur die Legastheniker. 
Die Davis-Lernstrategien sind für allgemeine Grund- und Vorschulklassen entwickelt worden, für die Arbeit gemeinsam mit allen Schülern. Die Studie, die über die Davis-Lernstrategien im Rahmen eines Pilotprojekts durchgeführt wurde, hat gezeigt, dass alle Kinder davon profitiert haben. Keines der Kinder, das während der Schuljahre 1 bis 4 daran teilgenommen hat, benötigte zusätzliche Förderung in den Folgejahren. Die Kinder haben sogar besser abgeschnitten, als Kinder aus anderen Klassen der gleichen Schule mit ähnlichem demographischen Profil. 
Wenn Sie daran interessiert sind, die Davis-Lernstrategien zu implementieren, dann würde ich Ihnen sehr den zweitägigen Workshop "Davis-Lernstrategien" empfehlen. Dort würden Ihre Fragen beantwortet, sie bekämen Arbeitsmaterial, das Ihnen den gesamten Ablauf während der Schuljahre erläutert und sie mit Wortlisten und Arbeitsanleitungen bei der Umsetzung unterstützt. 
Das Buch: "Legasthenie als Talentsignal" beschreibt ein Standard-Davis-Legasthenie-Korrektur-Programm, kein modifiziertes Programm für die Arbeit in (Grund-)Schulen mit den Davis-Lernstrategien. Daher ist die beste Vorgehensweise für die Arbeit in Schulen mit jungen Kindern (5 bis 9 Jahre) nach den Inhalten, die im Workshop "Davis-Lernstrategien" vermittelt werden. In der Regel finden diese Workshops regelmäßig statt, nähere Informationen finden Sie hierzu ebenfalls auf unserer Internetseite.

von Abigail Marshall

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