Freitag, 2. März 2012

Rote Erde und Wasser 
Der Ursprung der Symbolbeherrschung – von Ronald D. Davis

Als ich noch ein Säugling war, hat man meiner Mutter erzählt, ich wäre ein Kanner’s Baby. Dr. Leo Kanner hat in den USA das Wort Autismus geprägt. Während der ersten neun Jahre meines Lebens war mir meine Umgebung nicht bewusst. Ich wusste nicht einmal, dass ich am Leben war.

Einen Teil meiner ersten elf Lebensjahre musste ich zur Schule gehen. Die meiste Zeit habe ich hinten im Klassenzimmer verbracht, in einer Ecke sitzend, mit dem Gesicht zur Wand gewendet. Im Alter von zwölf Jahren hatte ich immer noch nichts in der Schule gelernt - nicht einmal das Alphabet. Meine Mutter arbeitete jeden Tag mit mir und versuchte, mir das Alphabetlied beizubringen. Sie hat sogar versucht, es mir auf Deutsch beizubringen. Ich konnte das Lied nicht weiter als die ersten paar Buchstaben lernen.

Meine Brüder waren "normal". Also war es ihnen auch erlaubt, Dinge zu besitzen und Dinge zu tun, die mir verboten waren. Sie hatten Taschenmesser und Armbanduhren. Eines Abends bekam ich das Taschenmesser meines älteren Bruders in die Hände und habe mir beinahe einen Finger abgeschnitten. Trotzdem wollte ich ein Taschenmesser!

Irgendwo in der Leere des Autismus entdeckte ich, dass, wenn ich die Erde aus unserem Garten mit Wasser in einer Pfütze mischte, ich daraus einen dicken Brei erhielt. Mit dieser Substanz konnte ich alles formen, was ich wollte. Die Erde in unserem Garten war klebriger roter Lehm. Wenn man diesen vollständig trocknen ließ, hielt er seine Form für eine lange Zeit.

Ich habe keine Ahnung, wie viele Taschenmesser ich aus dieser roten Erde mit Wasser gemacht habe. In meiner Tasche zerkrümelte jedes einzelne innerhalb einer Woche wieder in Stücke aus roter Erde. Aber immerhin hatte ich ein Taschenmesser. Die Armbanduhren meiner Brüder waren aus Metall und Leder, meine war aus roter Erde und Bindfaden. Aber immerhin hatte ich eine.

In dem Jahr als ich zwölf Jahre alt wurde, erhielt ich den Stempel: "Unerziehbar, geistig behindert!" Für mich bedeutete das, nicht länger in der Ecke sitzen zu müssen. Ich durfte mich herumdrehen und das sehen, was alle anderen auch sahen.

Entlang einer Wand genau unter der Decke war ein Streifen, der die Buchstaben des Alphabets zeigte. Ich weiß nicht, warum ich anfing, diese Buchstaben aus roter Erde und Wasser nachzumachen. Es brauchte einige Zeit, aber schließlich hatte ich jeden einzelnen Buchstaben des Alphabets hergestellt. Dann brachte ich sie schließlich alle in die richtige Reihenfolge und in die richtige Lage. Danach fragte ich meine Brüder, wie die einzelnen Buchstaben heißen.

Ich zeigte auf einen Buchstaben und fragte: "Was, was, was?" Mein Bruder sagte: "Z." Dann zeigte ich auf einen anderen Buchstaben und fragte: "Was, was, was?" Und mein Bruder sagte: "N." Nun spielte ich stundenlang indem ich das "Z" drehte und über das "N" legte und "N" dazu sagte. Dann drehte ich es zurück und sagte: "Z." "N Z N Z N Z N Z." Ich spielte stundenlang mit den Lehmbuchstaben und nannte ihre Namen. Auf diese Weise lernte ich schließlich die Namen der Buchstaben.

Wenn mich nun jemand bat das Alphabet aufzusagen, habe ich einfach die Namen in beliebiger Reihenfolge heruntergerattert. Niemand bemerkte, dass ich sie alle nannte. Das war also immer noch nicht gut genug! Die Leute wollten, dass ich sie in einer bestimmten Reihenfolge sagte. Also habe ich die richtige Reihenfolge gelernt und mit dem "Z" begonnen. Es hat mehr als zwanzig Jahre gedauert, bevor ich das Alphabet vorwärts aufzusagen lernte.

Als ich zwölf Jahre alt wurde, sagte man meiner Mutter, dass ich die Intelligenz eines Schimpansen besäße. Als ich siebzehn war, wurde meine Intelligenz getestet. Ich erreichte 137 Punkte in einem IQ-Test. Daraufhin sagten sie: "Oh, mein Gott! Er hat ja einen IQ! Wir müssen ihm das Sprechen und auch das Lesen beibringen." Die Sprachtherapie funktionierte. Ich lernte zu sprechen. Das Lesetraining hat nicht funktioniert.

Als ich achtzehn war, wurde mir gesagt, dass ich nie wie ein normaler Mensch Lesen, Schreiben und Buchstabieren lernen würde. Sie erklärten, als ich geboren wurde, hätten die Ärzte Instrumente benutzt, meinen Schädel damit eingeklemmt und mein Gehirn ruiniert.
 
Als ich sprechen lernte, wurden Worte ein Teil meines Universums. Wenn ich also ein Modell von einer Idee oder einem Begriff erschuf, begann ich gleichfalls den Namen dieser Idee zu modellieren. Im Alter zwischen 17 und 27 Jahren modellierte ich mehr als 1000 Ideen und Wörter. Mit 27 Jahren war meine IQ-Zahl auf 169 Punkte gestiegen.  

 Als ich anfing, die Techniken für Legastheniker zu entwickeln, schien mir die Arbeit mit Knete ganz natürlich. Den meisten Legasthenikern machte sie sehr viel Spaß und sie lernten dadurch, genau wie ich damals. 

Ich glaube, das Potenzial für Genialität existiert in irgendeiner Form in jedem von uns, wenn wir nur ein Fundament haben, auf dem wir unser Denken aufbauen können, und ein Ziel, das wir erreichen möchten.

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