Montag, 21. Mai 2012

Ein Interview mit Ronald D. Davis

Im Folgenden lesen Sie (1) eine Einleitung zum Thema Denken, (2) einen Auszug aus dem Buch von Ronald D. Davis Legasthenie als Talentsignal zum Thema Bildhaftes Denken und (3) ein Interview zum selben Thema, das ich vor Jahren mit R. Davis geführt habe.

1. Denken Eine Einleitung – von Ioannis Tzivanakis
"Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben, ohne Verstand keiner gedacht werden. Anschauungen ohne Begriffe sind blind, Begriffe ohne Anschauungen sind leer!" Immanuel Kant
   
  Auf treffende Art und Weise thematisiert Kant im obigen Zitat das ganze Spannungsverhältnis und die Zusammenhänge zwischen Wahrnehmung, Denken, Sprache und Welt.
   
   Die Menge der Literatur zu diesem Themenspektrum ist schon seit vielen Jahren komplett unübersichtlich. Zum einen, weil diese Themen schon in sich sehr spannend und interessant sind und uns Menschen in unserem Mensch-Sein direkt angehen. Zum anderen entsteht diese unübersichtliche Menge an Informationen dadurch, dass sich wissenschaftliche Teilgebiete und Themen so stark spezialisieren, dass sie selbst zu sehr großen und autonomen Wissenschaftszweigen avancieren. Solche Wissenschaftszweige wären: Psychologie, Neurophysiologie, Linguistik, Psycholinguistik, Neurobiologie, Lern- und Wahrnehmungspsychologie, Kybernetik, Computer- und Kommunikationswissenschaften, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, Sprachphilosophie usw. Viele bezeichnen die Gesamtheit dieser Wissenschaftszweige mit dem Sammelbegriff ‚Kognitionswissenschaften‘. Und mit der Herkunft des Wortes ‚Kognition‘ wären wir schon beim Thema der vorliegenden Internetseite, nämlich dem Denken!
   Das Hauptthema unserer Arbeit ist die Erklärung, Bewältigung und Bedeutung der Legasthenie. Seit Anfang unserer Arbeit mit Legasthenikern haben wir jedoch unmittelbar erkannt und sind uns inzwischen dessen gewiss, dass das Phänomen der Legasthenie auf eine sehr elementare und direkte Weise mit den Grundlagen des Lernens überhaupt zu tun hat!
   Umgekehrt haben wir festgestellt, dass unsere Methoden nicht nur für Legastheniker von großem Gewinn sind, sondern auch für fast alle, die eine Lernbehinderung haben und sogar für viele, die überhaupt keine Lernbehinderung haben, als sehr wertvolle Lernwerkzeuge verstanden und eingesetzt werden.

   Diese Lernwerkzeuge sind hauptsächlich (1) die Orientierungstechnik und die damit erreichte korrekte und präzise Wahrnehmung und (2) die Symbolbeherrschung und die damit verbundene Klärung und Verbildlichung abstrakter Begriffe und komplexer Sachverhalte. (Mehr darüber auch hier)


   Nach allgemeinen Ansichten bezeichnet der Begriff ‚Denken‘ alle intellektuellen Fähigkeiten oder mentale Aktivitäten sowie den erkennenden und urteilenden Akt.
 
   Nach anderen Auffassungen bedeutet ‚Denken‘: etwas im Geiste formen oder  haben, einen bestimmten Gedanken haben, durch die Kraft der Vorstellung bestimmte Gedanken wahrnehmen und auch bearbeiten.
   
   Mit anderen Worten ist das Thema Denken sehr vielfältig, sehr kontrovers und deshalb in vielen Hinsichten noch offen. Und so, d.h. offen, möchten wir es zunächst auch lassen, mit der freudigen Hoffnung, dass die folgenden Gedanken und Ausführungen Sie neugierig machen und dazu anregen, selber nachzudenken und zu entdecken.



2. Bildhaftes Denken – Ein Auszug – von Ronald D. Davis
Die charakteristische Denkweise des Legasthenikers ist das nonverbale Denken in Bildern, das mit einer Geschwindigkeit von 32 Bildern pro Sekunde abläuft. Der verbale Denker denkt etwa zwei bis fünf Wörter in der Sekunde, die Begriffe darstellen, der nonverbale Denker denkt also um das Sechs- bis Zehnfache schneller.


Ein altes Sprichwort lautet: "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte". Ein bildhafter Denker kann ein einzelnes Bild von einem Begriff denken, das sich nur mit Hunderten oder Tausenden von Wörtern beschreiben lässt.

Einsteins Relativitätstheorie kam zu ihm in einem Tagtraum, in dem er  sich an einem Lichtstrahl entlang fliegen sah. Seine Vision dauerte nur ein paar Sekunden, zog aber eine Unmenge von Büchern nach sich, die alle versuchen, sie zu erklären. Für Einstein war sie ein einfacher Begriff, für den gewöhnlichen Menschen ist sie unfassbar.


Bildhaftes Denken wird meist als 400- bis 2000mal schneller eingeschätzt. Die Geschwindigkeit variiert offenbar mit der Komplexität der einzelnen Bilder. Aber der Unterschied im Tempo ist nicht das einzige. Bildhaftes Denken ist tiefer, gründlicher, umfassender.


Verbales Denken verläuft geradlinig in der Zeit. Es besteht aus Sätzen, in denen ein Wort dem anderen folgt. Bildhaftes Denken ist evolutionär. Das Bild wächst, indem der Denkvorgang immer mehr Unterbegriffe zum Gesamtbegriff hinzufügt.


Die Tiefe und Gründlichkeit bildhafter Gedanken entsprechen der Genauigkeit, mit der die Bilder die Bedeutungen der Wörter wiedergeben, mit denen man diese Gedanken vielleicht verbal beschreiben könnte.


Man könnte sagen, dass bildhafte Gedanken Substanz haben, während verbale Gedanken bedeutungstragende Laute sind. Der einzige Nachteil des bildhaften Denkens ist der, dass der bildhafte Denker sich der einzelnen Bilder nicht bewusst ist, während sie ablaufen. Es geschieht zu schnell. Die Bewusstseinsspanne ist der Zeitraum, in dem man einen Gegenstand bewusst wahrnimmt. Bei uns Menschen dauert diese Zeitspanne ziemlich regelmäßig eine 25stel Sekunde. Mit anderen Worten: Ein Reiz muss wenigstens den 25sten Teil einer Sekunde anhalten, um vom Bewusstsein wahrgenommen zu werden.


Wenn also ein Reiz eine 25stel Sekunde oder etwas länger anhält, nehmen wir ihn bewusst wahr. Wir können das als Erkennung bezeichnen. Wenn ein Reiz kürzer als ein 25stel, aber wenigstens ein 36stel einer Sekunde anhält, fällt er in die Kategorie des Unterschwelligen. Unser Gehirn empfängt ihn, aber wir nehmen nicht wahr, was es empfangen hat. Falls der Reiz ein Teil eines zusammenhängenden Ganzen ist, verschmilzt er mit den Bildern, die vorausgehen oder nachfolgen. Wenn ein Reiz weniger als eine 36stel Sekunde anhält, nehmen wir ihn nicht einmal unterschwellig wahr. Er huscht zu schnell vorbei.


Bildhaftes Denken scheint ziemlich beständig mit einer Häufigkeit von 32 Bildern pro Sekunde oder der Geschwindigkeit wie die Flimmerverschmelzungsfrequenz oder die Verschluss- oder Belichtungszeit des Auges.


Dies ist etwas schneller als die Bewusstseinsspanne, die, wie gesagt, eine 25stel Sekunde beträgt, aber langsamer als die unterschwellige Wahrnehmung, deren Grenze bei einer 36stel Sekunde liegt. Das bildhafte Denken fällt also in den Bereich der unterschwelligen Wahrnehmung.


Der Gedanke taucht im Gehirn auf, aber der Vorgang selbst bleibt unbemerkt, unbewusst. Jetzt können wir auch verstehen, was Intuition ist, denn bildhaftes Denken und intuitives Denken sind dasselbe. Man nimmt das Produkt des Denkprozesses war, aber nicht seinen Ablauf. Man weiß die Antwort, ohne zu wissen, warum.


3. Was ist Denken? Ein Interview von I. Tzivanakis mit R. D. Davis


T: Wie definierst du Denken und wie steht Denken mit Fühlen in Zusammenhang ?

D: Laut Definition des U.S.-Amerikanischen Wörterbuches bedeutet denken oder Gedanke: "alle mentalen Dinge". Dies bedeutet für mich, dass Fühlen getrennt davon existiert, weil Fühlen keine mentale Aktivität ist. Es ist also einfach die mentale Verarbeitung von Informationen oder Ideen, und von der Essenz her ist es die Bewegung elektrischer Impulse im Gehirn. Ob es für das bildhafte Denken, das verbale Denken, für Erkenntnis oder die Vorstellung eingesetzt wird.


T: Was meinst du mit Erkenntnis?


D: Wenn du etwas erkennst, mit anderen Worten...

T: ...verstehen oder entdecken etc.?


D: Genau. Erkenntnis ist der Schluss, dass die Wahrnehmungen wahrscheinlich korrekt sind.


T: Was wäre die Bedeutung von mental, wenn Denken im Allgemeinen mentale Aktivität bedeutet?


D: Jetzt gerade kratzt du dich vorne am Kopf. Es ist alles, was auf der anderen Seite der Haut passiert an der Stelle, wo sich jetzt deine Finger befinden. Der ganze Bereich bis zum Hinterkopf und zwischen deinen Ohren.


T: Wenn wir einmal vergessen, was im Gehirn geschieht und versuchen würden, diese mentale Aktivität mit Hilfe unserer Erfahrungen zu definieren, z.B. wie es sich anfühlt oder wie wir es erleben, weil ich es ja nicht fühlen kann, wie sich etwas in meinem Kopf anfühlt... Wie könnten wir in diesem Fall Denken beschreiben? 


D: Ich weiß nicht, ob man einen Gedanken fühlen kann, weil Denken kein Gefühl hat. Fühlen kommt aus einem völlig anderen Kontinuum. Es ist im Grunde genommen Energie und Kraft, und basiert nicht auf dem Denken.


T: Energie, die körperlich wahrgenommen wird?


D: Nun ja ‚...‘ deine Lebensenergie versorgt dich mit all der Energie, die du brauchst, aber diese Lebensenergie ist nicht brauchbar, bis Emotionen etwas von dieser Lebensenergie nehmen und sie verwendbar machen. Und dann platziert bzw. richtet das Denken ganz einfach diese Energie. Den einzigen wirklichen Wert, den ich am Denken erkennen kann, ist der, dass es die Energie platziert, um Veränderung zu verursachen.


T: Veränderung verursachen, um Probleme zu lösen und zu überleben etc.?


D: Du versuchst ständig, die Dinge viel zu kompliziert zu machen.


T: Hm, O.K.


D: Wackle mit deinem Finger.


T: Ja.
D: Damit du mit deinem Finger wackeln konntest, musste Energie in deinen Finger gelenkt werden. Und es war der Denkprozess, der es ermöglicht hat, dass diese Energie in deinen Finger gelenkt wurde, so dass das Wackeln stattfinden konnte. Denken platziert die Energie. Du willst, dass dein Finger wackelt? Er wackelt. Du denkst.


T: Würde das bedeuten, dass Denken und Intention das selbe sind?


D: Nein, Denken und Intention sind verschieden.


T: Wenn ich meinen Finger bewegen möchte, ist das Erste, was mir dies ermöglicht, Intention oder Denken?


D: Intention. Sagen wir, du möchtest die Toilette spülen. Dann kannst du die Intention haben, die Toilette spülen zu wollen, du möchtest das tun, d.h. du intendierst oder beabsichtigst dies zu tun. Denken ist dann, wie du dies tust. Denken zeigt dir, wo du drücken musst, damit die Veränderung geschieht und das Ergebnis wäre: Die Toilettenspülung spült. Denken platziert einfach die Energie, es ist das, was die Platzierung der Energie richtet, um Veränderung stattfinden zu lassen.


T: Du unterscheidest zwischen Bild-Denken und Wort-Denken; hast du diese Unterscheidung selbst getroffen oder hattest du von jemand anderem davon gehört?


 D: Ich hatte es von niemand anderem gehört, aber ... ich kann ausschließlich in Bildern denken und meistens, wenn man in Bildern denkt, ist man sich darüber nicht bewusst, dass man denkt. Also war ich mir dessen nicht bewusst, dass ich dachte. Deshalb lebte ich in der Annahme, ich könnte nicht denken. Und für mich war dies etwas, was ich aus dem Autismus mitgebracht hatte. Alle Anderen sprachen über das Denken, sie sprachen darüber, dass sie "dachten", und ich war mir nicht darüber bewusst, jemals einen Gedanken gehabt zu haben.


T: Weil du nicht wusstest, was das bedeutet?


D: Weil ich nicht wusste, was es überhaupt ist. Ich hatte keine Erfahrung darüber. Bildhaftes Denken passiert schneller, als man sich darüber bewusst sein kann. Wenn man es also tut, ist man sich nicht darüber bewusst, dass es überhaupt geschieht. Ich hatte ein Leben gelebt und war mir völlig unbewusst über die Gedanken, die ich gedacht hatte. Nun, ... ich war mir über die Antworten bewusst, ich war mir auch der Rückschlüsse bewusst, die ich zog und ich kann Antworten kennen, ohne zu wissen, wie ich zu dieser Antwort gekommen bin. So erschien es mir, dass es nicht möglich sein könnte, lebendig zu sein und zu funktionieren, ohne denken zu können.


T: Verstehe.


D: Aber ich konnte das Denken nicht hören. Und wörtlich, ich konnte das Denken auch nicht sehen, weil es zu schnell geschah. Das hinterlässt dich nachdenklich, wenn ich diese Formulierung gebrauchen kann, dass es irgendeine Erklärung geben muss und ich weiß nicht, wie ich dazu kam, wahrscheinlich bin ich in einem Magazin oder irgendwo anders auf die Idee des bildhaften Denkens gestoßen.


T: Magst du bitte deine Denkweise näher beschreiben?


D: Also, ich hatte Vorstellungskraft, ich konnte mit meiner Phantasie Bilder machen, aber es war immer nur das Bild, das ich bewusst machen konnte, das ich auch sehen konnte. Nicht die Bilder, die gerade eine Mathematikaufgabe lösten oder die Bilder, die ein Rätsel lösten. Es waren immer nur die Bilder, die ich mir bewusst vorstellte, die ich auch sehen konnte. Und in der Annahme, dass dies ein Hinweis sein könnte, habe ich mich in diese Richtung gewendet. Wenn ich eine "gebildete" Person gewesen wäre, und Zugang gehabt hätte zu wesentlich mehr Informationen - viele Menschen vor mir hatten bereits das bildhafte Denken entdeckt. Eine dieser Personen ist eine Frau aus Holland, von der ich ein großer Fan bin, und das ist Nell Oilmann. Sie hat tatsächlich sogar die Verbindung zwischen bildhaftem Denken und Legasthenie gezogen, bevor ich geboren wurde. Die Vorstellung allein, dass dies (das bildhafte Denken) brandneu ist, ist falsch, denn es hat bereits viele Menschen gegeben, die vor unserer Zeit sich dessen bewusst waren. Es erschien also einfach natürlich, dass mich diese Idee interessieren würde, selbst unabhängig von der Legasthenie. Denn ich wollte beweisen, dass ich denken kann.


T: Wann war das?


D: Dies ist wahrscheinlich in den Jahren 1981/82 oder 83 gewesen.


T: War dies auch die Zeit, in der du die Orientierung entdeckt hast?

D: Ja. Es war nach der anfänglichen Entdeckung und sogar nachdem einige der anfänglichen Arbeit in Bezug auf die Legasthenie bereits geschehen war. Als wir das Ziel verfolgten, die Legasthenie besser verstehen zu können, war dafür zunächst notwendig, das Denken zu verstehen. Und das ist auch der Zeitraum zu dem ich mich damit beschäftigt habe.
Wenn wir kein grundlegenderes Verständnis des Denkens hätten bekommen können, als das es einfach nur "mentale Aktivität" ist, dann hätten wir keine Korrektur-Methode für die Legasthenie entwickeln können, denn Denken ist hierbei ein sehr wichtiger Bestandteil.
Und zu dieser Zeit, als wir dieses Ziel verfolgten,  habe ich in den USA Verweise in Bezug auf das verbale Denken finden können - viele Verweise - und verbales Denken wurde sogar als das Denken mit dem Klang der Worte definiert. Das non-verbale Denken, zu dem ich ebenfalls viele Hinweise fand, wurde in seiner Essenz als alles andere als verbales Denken beschrieben; was ein großes Loch hinterlässt, weil dies überhaupt keine Definition ist. Es gibt keinerlei Verstehen an dieser Stelle.


T: Hattest Du irgendein Erlebnis, in dem Dir bewusst wurde, was verbales Denken im Gegensatz zu non-verbalem Denken ist? Oder hast Du darüber gehört oder gelesen?


D: Ich habe mit dem verbalen Denken experimentiert, dieses Experiment hat jedoch nach dem Verstehen des Non-verbalen Denkens stattgefunden.


T: Welche Art von Experiment war das? Zu Dir selbst sprechen?


D: Ja, ich wollte unbedingt normal sein.


T: Das heißt, Du wolltest den Klang von Worten hören können?


D: Das war ja das Normale, ich nahm an, dass das etwas war, was ich in der Lage sein sollte zu tun. Und als ich zuerst anfing, dies zu probieren, hatte ich keine Ahnung, wie ich das hinkriegen konnte. Für mich war dies eigentlich eine lächerliche Vorstellung. Es gibt keinen inneren Mund und keine Möglichkeit, Klänge innerhalb des Kopfes zu produzieren. Aber ich realisierte, dass es sich nicht wirklich um Klänge handelte, sondern einfach um elektrische Impulse zwischen den Gehirnzellen und dass es einen Weg geben müsste, dies hervorzubringen. Durch den Willen, dies zu erreichen und durch die Versuche, dies umzusetzen, habe ich es schließlich geschafft.


T: Kannst Du Klänge in Deiner Vorstellung hören?


D: Oh, ja!


T: Und wenn du den Klang eines Wortes machst, wie zum Beispiel 'Katze', kannst Du diesen Klang dann hören?


D: In meiner Vorstellung kann ich ein Bild sehen, wie Du dort stehst und eine Rede hältst und ich kann Dich sprechen hören, aber es wäre Deine Stimme, die ich höre, nicht meine. Ich kann eine Aufnahme von etwas machen, das im Radio gespielt wird, und dies wieder abspielen. Aber dies ist nicht das, was ich als Denken betrachte, weil dies nichts originäres an sich hat. Es ist einfach nur als wenn Du in Deinem Kopf jetzt aufnimmst, was Du gerade tust. Wenn Du dies wieder abspielst, kann dem nichts hinzugefügt werden, es wird einfach nur die direkte Wiedergabe sein, weil es an dieser Stelle keine Intelligenzleistung gibt, die dahintersteckt. Ich war in der Lage, dies zu tun, habe es aber nicht als Denken angesehen. Als ich noch jung war nannte ich dies den "Papagei" (weil Papageien sprechen können). Sie können sprechen, haben aber keinerlei Verständnis von dem was sie sprechen.


T: Was geschieht, wenn Du etwas gedanklich hörst, Wörter oder Sätze mit Wörtern, die Du nicht verstehst, weil es sich um neue Wörter für dich handelt?


D: Für mich gibt das dann nur Geräusch. Als ich autistisch war, war dies anders. Als Autist konnte ich Musikinstrumente spielen und es war für mich sehr einfach, diese zu spielen. Ich konnte die Trompete spielen, das Kornett, die Posaune, Akkordeon, Schlagzeug. Es war mir jedoch nicht erlaubt, das Klavier zu berühren. Ich habe alles nach Gehör gespielt. Was immer ich hörte, ich konnte das Instrument dazu bringen, die entsprechenden Klänge zu produzieren. An diesem Vorgang ist kein Denken beteiligt. Und trotz dieser Fähigkeit, konnte ich nicht sprechen. Ich konnte meinen Mund nicht dazu bringen, wie ein Instrument zu funktionieren, um den Klang der Wörter hervorzubringen. Aber ich konnte die entsprechenden Klänge aus dem Instrument hervorbringen, ich habe einfach geblasen oder die Finger gedrückt. Und nochmal, es gibt keine Verbindung zwischen dieser Aktivität und dem Denken; es war einfach nur das Reproduzieren von Klängen. Das Gehirn ist dazu in der Lage. Diese Fähigkeit habe ich nicht aus dem Autismus mit herübergebracht, tatsächlich hatte ich direkt nach meinem Autismus überhaupt keine Wertschätzung für Musik, und selbst heute noch habe ich keinerlei Wertschätzung für Musik.


T: Du meinst, Du magst Musik überhaupt nicht? Oder nur bei bestimmten Situationen nicht?


D: Es hat den Anschein, dass andere Menschen emotional oder spirituell durch Musik bewegt werden, und für mich ist Musik nur Geräusch oder Lärm. Sie hat keinen anderen Wert, es sind keine anderen Emotionen für mich mit Musik verbunden außer manchmal Ärger. Und jetzt, wo mein Gehör nachlässt, ärgere ich mich nicht mehr so über Musik, wie dies früher der Fall war.


T: Du betrachtest dies nicht als einen Nachteil?


D: Nein! Hören hat einen Vorteil und einen Nachteil. Zum Beispiel für die Kommunikation ist es ein Vorteil, bei anderen Situationen ist es ein Nachteil. Es ist z.B. schwierig, die Lippen von Leuten zu lesen, die mit Akzent sprechen.


T: Ich kann mir folgendes nicht vorstellen: Wenn jemand verbal denkt und kein Bild für ein verbales Symbol hat, denkt er dann nicht? Das heißt, gibt es eine mentale Aktivität, die eine Art denken ohne Inhalt wäre?


D: Meiner Meinung nach ist die natürliche Art des Denkens für Menschen das bildhafte Denken, verbales Denken ist etwas, das man erlernt. Alle Menschen wenden non-verbales Denken an, sogar das non-verbale Denken, das wir bildhaftes Denken nennen würden. Selbst wenn diese Menschen sich dessen nicht bewusst sind, könnten sie nicht bildhaft denken, wären sie nicht in der Lage, ihr eigenes Gesicht im Spiegel zu erkennen.
Wenn bildhaftes Denken die natürliche Art des Denkens ist, dann wäre das verbale Denken die erlernte Aktivität. Es ist etwas, das wir erlernen, weil es so einfach ist, dies zu lernen. Ich kann also nicht sagen, dass verbales Denken nicht natürlich ist, aber es ist zumindest die weniger natürliche Art des Denkens.


T: Wenn jemand mit einem Satz in Form von Worten kommunizieren kann, er aber keine bewussten konkreten Bilder hat, die equivalent zum Inhalt dieses Satzes passen, könnten wir dann sagen, dass bildhaftes Denken stattfindet - das heißt, dass er versteht - , aber das es zu schnell ist, als dass er sich darüber bewusst sein kann?


D: Ich denke, dass was Du gerade gesagt hast, geht definitiv in die richtige Richtung. Weil bildhaftes Denken die für uns Menschen natürlichere Weise zu denken ist, bedeutet dies, dass alle Menschen dies tun, ob sie sich darüber bewusst sind oder nicht. Ich weiß nicht, ob es möglich ist, dass jemand verbales und bildhaftes Denken gleichzeitig anwendet. Aber wenn jemand verbal denkt, dann gibt es Momente, wo Lücken zwischen den Klängen auftreten, mit denen man denkt und vielleicht denkt man in diesen Lücken bildhaft, oder es könnte doch möglich sein, dass man mit beiden Weisen gleichzeitig denkt. Dies sind Fragen auf die wir bislang keine Antwort haben, noch nicht einmal Anhaltspunkte, aber ich wäre nicht überrascht, wenn wir Menschen nicht in der Lage wären auf beide Arten gleichzeitig zu denken.

T: Ist es möglich, dass jemand verbal denkt und überhaupt nicht bildhaft denken kann?


D: Diese Person wäre nicht dazu in der Lage, ihr eigenes Spiegelbild zu erkennen.


T: Ist es unmöglich, verbal zu denken ohne Bilder zu haben?


D: Wenn wir in diesem Moment darüber sprechen, handelt es sich um reine Theorie, aber ich nehme an, dass diese Aussage wahrscheinlich korrekt ist, ohne irgendwelche Mittel zu haben, dies beweisen zu können.


T: Dies ist auch meine Vermutung. Ich würde gerne zusammenfassen, könnte man sagen, verbales Denken ist eigentlich "verkleidetes" bildhaftes Denken oder eine Mischung?


D: Ich denke nicht, dass man es eine Verkleidung nennen könnte, weil es tatsächlich so ist, dass Menschen mit dem Klang der Wörter denken, oder zumindest wird mir dies so erzählt. Du wärest hier sehr viel eher ein Experte als ich das bin, aber ich habe mit Menschen gesprochen, die behaupteten, dass sie nicht dazu in der Lage sind, bildhaft zu denken. Alles Denken, was bei ihnen jemals stattgefunden hat, war Denken mit dem Klang von Wörtern und es hat nie gestoppt und sie sind fast verrückt daran geworden, sie hassen es. Ich höre, wie sie mir dies berichten, ich sehe, dass sie daran leiden, aber in Wirklichkeit weiß ich nicht wovon sie sprechen. Insofern denke ich, wenn Du verbal denken kannst, weißt Du eine Menge mehr zu diesem Thema als ich.


T: Wenn manche Leute sagen, sie denken verbal, geschieht dort irgendetwas anderes, als dass sie nur "Papageien" sind?


D: Auf diese Frage habe ich keine Antwort. Ich denke, da ich sie erlebe, dass sie ja als Mensch funktionieren, muss etwas bedeutsameres stattfinden, das sich von dem "Papagei" unterscheidet. Beim "Papagei" gibt es nichts von Bedeutung, es ist die reine Wiedergabe von Klängen.


T: Wenn bildhaftes Denken Denken in Bildern ist, was für Entitäten sind diese Bilder? Einfach Vorstellungen?


D: Wiederum habe ich keine Antwort auf diese Frage, weil ich sie nie anders als eine Vorstellung gesehen habe. Nun, ist Vorstellung ein Bild, das du kreierst, das verlangsamt wurde? Ich kann es auch in der Erinnerung sehen, aber wenn ich mir die Erinnerung wiederspiele, sehe ich es als ein Szenario. Ich weiß nicht ob dieses Szenario der gleiche Gedanke ist, den ich zu der Zeit damals hatte. Ich habe das Aufblitzen der Bilder gesehen, aber nicht deren Inhalt. Und ich weiß nicht ob es uns jemals gelingen wird, die Verlangsamung im Zeitkontinuum genügend zu vollziehen, um tatsächlich den Inhalt des Bildes zu sehen, außer wenn wir die Erinnerungen betrachten. Wir könnten dies mit der Erinnerung durchführen, aber der Erinnerungsmechanismus verlangsamt den Prozess, und damit handelt es sich dann um eine andere Frequenz als beim Denkprozess.


T: Wenn wir diesen Prozess nun absichtlich verlangsamen würden, Bild für Bild, um darüber bewusst zu sein, was dort stattfindet, mit oder ohne Erinnerung, was wären dann diese Bilder? Wären sie etwas, das wir mit unserem geistigen Auge betrachten?


D: Wenn wir uns primär die Gehirnaktivität anschauen, und dabei betrachten, was im Gehirn geschieht, dann gilt für die meisten Menschen, dass es sich beim Großteil der Aktivität ihres Gehirns um Betawellen-Muster handelt. Dies ist die kürzeste Wellenform, die wir produzieren. Nach Beta kommt Alpha, dann Theta und zum Schluss - als längstes Wellen - Delta. Der Deltazustand ist der Zustand des "rapid-eye-movement" - REM genannt. Wenn das Gehirn hauptsächlich im Deltawellen-Muster arbeitet, dann ist man im Tiefschlaf. Bei den Experimenten, die wir mit dem Denken durchgeführt haben, um die Geschwindigkeit herauszufinden, haben wir nur die Frequenz des Alphawellen-Musters herausgefunden.


T: Sind diese Experimente mit Hilfe von Hypnose durchgeführt worden?  


D: Nein, mit Hilfe von Dopamin. Und damit sich dies alles ereignen konnte, was wir untersuchten wollten, haben wir die Untersuchungen mit Personen im Alphazustand durchgeführt. Wir wissen also nicht, welche Frequenz die Bilder hätten, wenn jemandes Gehirn sich im Beta Zustand befindet, oder Theta- bzw. Deltawellen produziert. Ich nehme wirklich an, dass - in Bezug auf bildhaftes Denken - die Alphafrequenz tatsächlich nur die Geschwindigkeit ist, mit der die Bilder erscheinen. Wenn Du Dich schlafen legst, gerade bevor Du einschläfst verändert sich der Großteil der Gehirnzellen das heisst der mentalen Aktivität, die dann abläuft, in den Thetazustand. Und wenn Du dich zum größten Teil im Theta- und zu einem kleinen Teil im Alphazustand befindest, das ist der Moment, in dem das Träumen auftritt. Und Du kannst tatsächlich einen Wachtraum haben, Du kannst wach in Deinem Bett liegen, und Dir darüber bewusst sein, dass du wach bist, und gleichzeitig wissen, dass du träumst. Und ich denke, dass in solch einem Moment, wenn dein Gehirn sich von Alpha in den Thetazustand begibt, der Denkprozess sich bis zu einem Punkt verlangsamt, dass er langsamer als mit 24 oder 25 Bildern pro Sekunde abläuft; alles was Du tust, wenn du träumst, ist, dass du beobachten kannst, wie Dein Denken abläuft. Nun, wenn dies wahr ist, dann haben ich und Du und die meisten anderen Menschen sich bereits selbst beim non-verbalen Denken beobachtet., sie haben die Bilder gesehen. Aber ich weiß nicht, ob dies wahr ist. Wir würden zunächst eine Unmenge beweisen müssen, um in der Lage zu sein, diese Aussage treffen zu können. Zu diesem Zeitpunkt jedoch habe ich die Vermutung, dass dies zutrifft.



T: Ich danke dir für dieses Gespräch.

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