Hier nun der dritte Teil aus dem letzten Kapitel der
Vorabveröffentlichung des Buches “Autism and the Seeds of Change” von Abigail
Marshall und Ron Davis in deutscher Übersetzung. Dieser Teil bietet verschiedene anschauliche Fallgeschichten. Die ersten Auszüge des Buches sind in den letzten beiden Monaten
erschienen. Die betreffenden Artikel finden Sie unter folgenden Links: Davis-Buch Autismus – 1. Teil, 2. Teil und 4.Teil.
Wir
hoffen, Ihnen bis zum Erscheinen der deutschen Übersetzung
(voraussichtlich im Mai diesen Jahres) so die Wartezeit ein wenig
verkürzen zu können.
Ihr Davis-Team
Vorabveröffentlichung – Kapitel 12 / 3. Teil
2. Woche, Februar.
Identitätsentwicklungsbegriffe bis „Emotion“
6. Tag: Ich
bin begeistert über die erstaunliche Veränderung von Amber. Ihre Augen sind
klar und haben einen Glanz, der vorher nicht da war. Sie sucht den Augenkontakt
und will mir alles erzählen, was sie seit dem letzten Mal gemacht hat. (Sie hat
einen JOB angenommen, … was sie früher nicht durfte – nun aber, nach dieser
Entwicklung, schon!) Bei unserer Überprüfung der Begriffe, die wir bisher erarbeitet hatten, hatte sie alle behalten – wir hatten viel
Spaß, als wir uns die Bilder ihrer Modelle aus der ersten Woche ansahen und sie
jedes einzelne Teil bestimmen konnte. Ihr Vater richtete aus, dass die
Verhaltensfragen in der Wohngruppe fast völlig geklärt seien. Diese
Auswirkungen auf die Situation belegen, dass Amber seit unserer letzten Sitzung
den Inhalt von Konsequenz integriert
hatte.
7. Tag: Wahrnehmung
und Denken gingen gut. Ambers feinmotorische Fertigkeiten werden besser.
Kneten scheint ein bisschen leichter zu gehen. Sie beginnt sich mehr zu öffnen
und sucht immer öfter Augenkontakt.
8. Tag: Wir
haben Erfahrung abgeschlossen und hatten eine echt lustige „Exkursion“,
um gemeinsam neue Erfahrungen zu machen. Es war eine Bindungsübung. Amber scheint interessierter an anderen Menschen
zu sein. Sie machte eine Bemerkung über den kleinen Laden, den wir gefunden
hatten – so etwas wie, dass er ein Ort sei, an den ihre Großmutter gerne gehen
würde. Sie hatte Augenkontakt mit dem Mann an der Kasse und schien mich zu
beobachten, als ich mit ihm interagierte und redete.
9. Tag:
Alle Begriffe schienen gut zu gehen. Ich war beeindruckt, wie leicht sie sich Energie
und Kraft aneignete.
10. Tag:
Wir gingen heute sehr viele Begriffe durch. Ich hatte nicht erwartet, dass Emotion
so schnell gehen würde. Die Entdeckungsphase war lustig. Ambers
Gesichtsausdruck wechselte, sobald wir bei verschiedenen Leuten
unterschiedliche Emotionen sahen. Hier begann sie auch das erste Mal,
unaufgefordert zu reden. Bei McDonald´s sah sie einen Mann mittleren Alters auf eine
kleine alte Frau zugehen und sagen: „Hallo, junge Frau!“ Die alte Dame war
entzückt. Ambers Augen huschten zu mir und sahen mich direkt an, wie um zu
sagen „Ich habe verstanden, dass das ein Witz war!“ Sie kicherte. Was folgte,
war noch erstaunlicher. Amber begann, mir von ihrer Großmutter zu erzählen. Sie
erzählte eine lange, detaillierte Geschichte darüber, dass ihre Großmutter aus
Schottland kam und ihren Mann im Krieg getroffen hatte, als er Soldat gewesen
war. Noch am selben Tag wiederholte ich die Geschichte gegenüber Ambers Mutter
– die erstaunt war und sagte: „Das hat Amber Ihnen alles erzählt?“ Später fand
ich heraus, dass die Familie völlig ahnungslos war, dass Amber diese Geschichte
kannte und fassungslos, dass sie tatsächlich all diese Informationen
aufgenommen hatte.
3. Woche, April.
Abschluss, Identitätsentwicklung bis hin zum Ordnungschaffen; soziale
Integration mit Beziehungsbegriffen
11. Tag: Es
war großartig zu hören, dass Amber angefangen hatte, zu arbeiten! Sie ist SO
glücklich. Sie kann jetzt ohne direkte Personalaufsicht arbeiten. Fertigkeit
ging sehr gut. Wir gingen in die Spielhalle. Amber hatte einen Wahnsinnsspaß.
Ihre Augen strahlten, sie fühlte sich versiert und sie lernte und verbesserte
sich mit jedem Spiel, das sie spielte.
12. Tag:
Heute war ein guter Tag. Amber besprach mit ihrer Mutter und mir unseren
geplanten Ausflug in die Wohngruppe morgen. In Bezug auf einige Dinge war sie
sehr hartnäckig – wer Dienst hatte, um welche Zeit ihr Mitbewohner nach Hause
kam, und dass sie fertig sein wollte, bevor sie zurückkamen. Innerlich jubelte
ich – aber ich glaube, ihre Mutter musste sich auf Ambers neu entdeckte Stimme
erst einstellen. Ich erinnerte sie daran, dass dies gut ist … wir wollen, dass Amber
fähig ist, vollständig am Leben teilzunehmen, und sich selbst und ihre Meinung
in Bezug auf ihre Umgebung zu äußern, war Teil davon. Ihre Mutter stimmte zu.
13. Tag:
Wir hatten Spaß heute … ich war in Ambers
Wohngruppe, um die letzte Ordnungschaffen-Übung zu machen. Als
wir ihr Zimmer betraten, dachte ich zuerst „Hoppla!“ – es war nahezu perfekt
aufgeräumt. Es gab praktisch nichts, was nicht an Ort und Stelle lag. Aber dann
öffneten wir den Schrank … und „Bingo!“ – wir verbrachten zwei Stunden damit, und
als ich ging, war er vollkommen aufgeräumt. Einmal fragte ich sie, ob sie eine
Pause machen wolle, und sie sagte: „Nein, jetzt nicht.“ Wenn ich sie bisher
gefragt hatte, hatte sie immer das Gegenteil geantwortet.
14. Tag:
Die Beziehungsbegriffe gingen ganz gut. Amber schien ziemlich
interessiert zu sein. Ihre Mutter sagte, dass Amber während der GESAMTEN Fahrt
hierher geredet hatte. Sie sagte, das war eine große Veränderung; früher wären
sie still gewesen und hätten Radio gehört. Ihre Mutter sagte: „Sie hat so viel
Zeit ihre Lebens schweigend verbracht … sie hat eine Menge zu erzählen!“
15. Tag:
Die restlichen Begriffe (wir hatten nur noch zwei übrig) gingen gut. Unsere
Feier war großartig und ich übergab Amber eine Vollendungs-Urkunde. Ihr Vater
hielt eine Rede darauf, wie dankbar er war für die Veränderungen, die sie
bereits bis jetzt bei Amber gesehen hatten. Er sei begeistert und könne es
nicht erwarten zu sehen, wohin sie das führen würde. Ich erinnerte ihn daran,
dass das nicht das Ende war … tatsächlich war es der Anfang … wenn sie anfing,
ihre zukünftigen Erfahrungen durch diese neuen Begriffe zu filtern.
Fallbeispiel:
Erfahrungen eines Erwachsenen nach 18 Monaten
Davis®Beraterin Christien
Vos aus den Niederlanden arbeitete im Verlauf eines Jahres mit einem männlichen
Erwachsenen. Sie trafen sich einmal alle zwei Wochen. Er hat mit dem Programm
gekämpft und war oft streitlustig und
widerständig; trotzdem hat er nach Abschluss des Programms tiefgreifende
Veränderungen in seinem Leben erfahren:
Mit 39 Jahren lebte Willem,
ein hoch funktionaler männlicher Autist,
alleine und hatte keine Freunde. Als er zu mir kam, war er unfähig, mehr als
eine Aufgabe am Tag zu erledigen, und er war wiederholt dabei gescheitert, eine Arbeit zu
bekommen oder zu behalten. Er war sehr argwöhnisch und hochsensibel und
stotterte. Er war auch extrem intelligent, aber es fehlte ihm an Kreativität.
Das Davis®-Autismus-Programm war ein harter Weg für ihn. Er hasste es, mit
Knete zu arbeiten, stellte am Anfang viele der Begriffe in Frage und
widersetzte sich. Gleichwohl hörte er nicht auf, ein Jahr lang einmal alle zwei
Wochen zu mir zu kommen. Im Laufe der Zeit nahm seine Abneigung ab und unsere
Auseinandersetzungen wurden kürzer und weniger angreifend/ verteidigend. Er
begann das Gefühl zu mögen, das jeder beherrschte Begriff ihm gab.
Weil er allein lebte, keine
Freunde und keine Arbeit hatte, war es schwierig für ihn, im täglichen Leben
eine Rückmeldung zu bekommen. Trotzdem konnte er nach ein paar Monaten, als wir seine Erfahrungen aus den zurückliegenden
Wochen besprachen, die Veränderungen in seinen eigenen Denkprozessen und seinem
Verhalten erkennen.
Nachdem er das Programm
beendet hatte, hörte ich eine Weile nichts mehr von ihm. Schließlich, nach 18
Monaten, schrieb er mir eine Email und machte einen Termin aus, damit er von
seinem derzeitigen Leben berichten konnte.
Bei diesem Treffen erzählte
er von folgenden Veränderungen:
- er hat keine Angst mehr
vor anderen, obwohl er immer noch das Gefühl hat, dass er übermäßig argwöhnisch
ist, und immer noch stottert;
- er hat in sozialen
Situationen einen Überblick, versteht, warum Leute handeln, wie sie handeln, und
fühlt sich nicht mehr ängstlich, durcheinander, zornig, verloren oder gestresst;
- er kann mehrere Dinge
gleichzeitig machen und mit mehrteiligen Aufgaben in der richtigen Reihenfolge
umgehen und dabei entspannt und orientiert bleiben;
- er entwickelt
Initiativen und führt sie wirklich aus;
- er wurde kreativer – er
hat zum Beispiel angefangen zu zeichnen;
- er ist der
Mannschaftskapitän und Webmaster seines Bridgeclubs und schreibt Berichte von
Bridgeturnieren für die Bridgegemeinde;
- er ist einer
Diskussionsgruppe beigetreten (im wirklichen Leben, nicht im Netz), die sich
regelmäßig vor ihren Diskussionen zum Essen trifft;
- er macht Pläne für seine
Zukunft.
Fallbeispiel: Ein Kind
mit Asperger-Syndrom nach einem Jahr
Davis Beraterin Gale Long
konnte ebenfalls von den langfristigen Veränderungen eines jungen Mädchens berichten,
mit dem sie gearbeitet hatte. Die Mutter des Kindes lieferte ebenfalls
Hintergrundinformationen.
Kayla hatte viele
Symptome des Asperger-Syndroms. Neben den sprachlichen Problemen hatte sie mit
Wut und Ärger zu kämpfen, war leicht reizbar durch Geräusche, Menschenmengen,
Lichter und Gerüche. Ihre motorischen Fertigkeiten waren unterentwickelt, so
dass normale Aktivitäten wie Radfahren oder Gehen schwierig waren. Ihre Manien
und Zwangsvorstellungen waren Aspekte, die die alltäglichen Handlungen
schwierig machten. Das Erkennen sozialer Hinweisreize fehlt, was es ihr
erschwert, Gesichtsausdrücke, Körpersprache und die unausgesprochenen Regeln
der Gesprächsführung zu deuten. Sie neigte dazu, übertrieben freundlich zu sein.
Sie hatte eine ungewöhnliche Empfindlichkeit gegenüber Licht, Lebensmitteln und
Berührung. Ihre sensorische Integrationsstörung hatte eine jahrelange Therapie
zur Folge. Wie die meisten Autisten hatte sie sowohl Schwierigkeiten mit dem
Übergang von einer Handlung zur nächsten als auch mit dem Finden und Behalten
von Freunden.
Wir befanden uns während
ihrer Grundschulzeit in einem ununterbrochenen Stresszustand. Die Schule hatte
keinen Plan, wie sie ihr helfen konnte. Sie wussten nicht, wie sie mit ihr im Klassenraum
umgehen sollten. Die Schüler wussten nicht, wie sie mit ihr interagieren
sollten. Sie machten sich über sie lustig, und weil sie sprachlich unterlegen
war, fing sie an zu randalieren. Sie wurde wegen ihres Benehmens der Schule
verwiesen und kam in der vierten Klasse auf eine Schule für
verhaltensauffällige Kinder. Als sie in die Mittelstufe kam, war Kayla
konfrontiert mit Chaos, Angst, Sich-anpassen-wollen und Sich-abgelehnt-fühlen. Sie hatte keine Freunde und wurde gemobbt. Die Fachleute sagten, ich müsse die
Tatsache akzeptieren, dass es sich bei Kayla nie würde verbessern können.
Die Autismus-Beraterin berichtet:
Bei unserem ersten
Treffen kam Kayla zurückhaltend herein. Sie versteckte sich ein wenig hinter
ihrer Mutter und klammerte sich an ihre Hand, als ob etwas Schreckliches
passieren würde, wenn sie losließe. Aber so, wie sie mich mit ihren schönen
blauen Augen und langen Wimpern ansah, war sie offensichtlich neugierig. Als
sie anfing, sich in meiner Gegenwart mehr zu entspannen, wurde sie übermütig und
begann zu kreischen und auf und ab zu springen. Mit offensichtlicher
Begeisterung vertraute sie mir einige Erfahrungen an, aber ich hatte solche
Schwierigkeiten, ihre Sprache zu verstehen, dass ich so tun musste, als wüsste
ich, was sie gesagt hatte.
Beobachtungen der
Autismus-Beraterin – ein Jahr nach dem Davis-Autismus-Programm:
Kürzlich habe ich mich
mit Kayla nach der Schule zum Essen getroffen. Als die Schüler aus dem
Unterricht entlassen wurden, bemerkte ich Kayla, die in aller Ruhe den Fußweg
entlang ging und mit einem Freund klönte und lachte. Was für ein Unterschied!
Vor einem guten Jahr war es normal gewesen, dass die anderen sie schikanierten
oder auf dem Spielplatz links liegen ließen, wenn ich sie zu ihren Autismus-Sitzungen abholte. Oftmals hatte sie geweint. Es tat mir leid, dass sie so
kämpfen musste, um in ihre Welt hineinzupassen.
Heute hat Kayla viele
Freunde, die sie gleichberechtigt behandeln. Gerade neulich hat Kayla an einem
zweitägigen Ausflug mit Floßfahrt teilgenommen. In den vorherigen Jahren hatte
sie nie Freunde und nicht die Fertigkeit, Übernachtungserfahrungen zu sammeln.
Das war also enorm – fähig zu sein, Ängste und unzureichende soziale
Fertigkeiten zu überwinden, um tatsächlich einen schönen Tag mit Freunden
genießen zu können! Kayla kämpft manchmal immer noch, aber sie hat die
Werkzeuge und die Fähigkeit, Situationen zu beurteilen und angemessen zu
reagieren. Von Kayla zu lernen, wie schwierig alles aus der autistischen
Perspektive ist, war lehrreich für mich.
Als wir mit dem Essen
fertig waren, bat ich Kaylas Mutter, in drei Worten zu beschreiben, wie Kayla
vor ihrem Autismus-Programm war. Sie antwortete: Isolation, Frustration und
Traurigkeit. Die drei Ausdrücke, mit denen sie Kayla jetzt beschreibt:
Hoffnung, Leichtigkeit der inneren Einstellung und Freude.
Ängstlich erwartete ich
Kaylas Antwort auf die gleichen Fragen. Sie dachte sorgfältig darüber nach und
sagte mir drei Worte für vorher: Traurigkeit, Einsamkeit und Kummer. Heute sagt
sie, sie fühlt sich glücklich, einbezogen und zuversichtlich.
...Fortsetzung folgt im nächsten
Monat.
Auszug
aus der Übersetzung des Buches: “Autism and the Seeds of Change” von
Abigail Marshall mit Ronald D. Davis, Übersetzung: Dr. Andrea Paluch,
erscheint voraussichtlich Mai 2013.
Im deutschsprachigen Raum und Luxembourg gibt es
inzwischen 8 ausgebildete Davis®-Autismus-Berater/innen, die Sie ebenfalls bei
den Davis-Berater-Adressen finden, oder aber per Email erfragen können: info@dyslexia.de.